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Seminar I: Di - Do,
11. - 13. Oktober
Hans-Jost
Frey, Zürich,
CH
Theorie des Unvorhergesehenen
Der Versuch, das Unvorhergesehene unter Kontrolle zu bringen, wäre
widersprüchlich. Es aber als unkontrollierbar anzuerkennen und nach
den Möglichkeiten zu fragen, damit umzugehen, wo immer es in Erwartetes
einbricht, kann Überlegungen anregen, welche die Grenze des Planbaren
erkunden. Alle Formen von Improvisation haben ihren Ort an dieser Grenze.
Ich versuche mit der Hilfe mitdenkender Teilnehmer darüber nachzudenken.
Seminar II: Mi -
Fr, 12. - 14. Oktober
Kjell Keller, Biel, CH
Wie fremd sind fremde Idiome?
Musik der Klassik: Ihre musikalischen Elemente – etwa die temperierte
Stimmung, das Dur-Moll-System, Melodik und Rhythmik, die Formen, das
Klangbild – sind uns so vertraut, dass sie uns fast zur zweiten
Natur geworden sind. Verlässt man dieses gesicherte System, indem
man sich etwa mit alter oder neuer Musik beschäftigt, fallen vertraute
Normen und Konventionen mehr oder weniger weg.
Ä
hnliches erfährt man bei der Beschäftigung mit nicht-europäischen
Musiktraditionen. Bewegt man sich beispielsweise immer mehr Richtung
Orient, so werden die musikalischen Elemente nach und nach unvertrauter,
fremder. Das soll anhand von klingender Musik vom arabisch-türkisch-
persischen Kulturraum über Indien bis China, Korea und Japan aufgezeigt
und diskutiert werden
Seminar III: Di + Sa,
11. - 15. Oktober Walter Levin, Basel,
CH; unter Mitwirkung des Gémeaux-Quartettes, Basel
Freiheit
und Autorität – kontrollierte Aleatorik im Streichquartett (1964)
von Witold Lutoslawski.
Als kontrollierte Aleatorik bezeichnete Lutoslawski die Technik des freien
Zusammenspiels, welche er erstmals in seinem 1964 komponierten und von
Walter Levin und dem LaSalle
Quartett in Stockholm uraufgeführten Streichquartett angewandt hat. Auf
weite Strecken spielen hier die vier Streicher des Quartetts quasi solistisch
ihren Part ohne Rücksicht auf die andern. Dadurch entsteht ein fluktuierender
Zusammenklang, der bei jeder Aufführung divergiert, aber vom Komponisten
genauestens kontrolliert und strukturiert ist. Der Vortrag betrachtet mit Hilfe
des Gémeaux Quartetts formale, spieltechnische sowie Probleme der Einstudierung
und Wiedergabe eines Stückes, indem schon die Erstellung einer Partitur
fast unüberwindliche Schwierigkeiten bereitete.
Tempo und Charakter
Die Tatsache, daß Beethoven eine Anzahl wichtiger Werke mit Metronomzahlen
bezeichnet hat – so die neun Symphonien und 11 seiner Streichquartette – wird
nach wie vor von der Aufführungspraxis kaum zur Kenntnis genommen. Der Vortrag
untersucht Beethovens Verhältnis zu Johann Nepomuk Mälzel, der den
berühmten Pendel-Geschwindigkeitsmesser um 1816 in Wien vervollkommnete,
sowie Beethovens Einstellung zur Frage der Temponahme seiner Kompositionen anhand
von überlieferten Dokumenten. Die Beziehung von Tempo und Charakter eines
Stückes wird an vielen Musikbeispielen dargestellt.
Empfohlene Lekture:
Beethoven: Das Problem der Interpretation, [Band 8, Musik-Konzepte, herausg.
v. Heinz-Klaus Metzger und Rainer Riehn, Edition Text & Kritik, München
1979)
Rudolf Kolisch - Tempo und Charakter in Beethovens Musik - Band 76/77
[Musik-Konzepte, s.o., München 1992]
Seminar IV: Di -
Sa, 11. - 15. Oktober
Christoph Lischka, Köln,
DIdiom – Fabrikation
Idiome: – sind zuvörderst Ausgrenzungssysteme, Konstituenten
der Identitätsbildung. Sie induzieren eine zellulare Parkettierung
der interaktiven Landschaft, implementieren Immunisierungsstrategien.
Idiome: – sind indikativ für semantische Netze, sie kodieren
Bedeutung qua Iterabilität. Idiome: – können wachsen,
vergehen, mutieren, evolvieren. Sie vermitteln Konservation und Dissipation
in einem semantischen Metabolismus.Idiomatik: – Diachrone Narrationen
der Paläontologie führen ebenso zu detaillierteren Explikationen
wie formale Modellbildung: Im Begriff des “Sonotops” als “poietischer
Maschine” werden Umrisse eines “phantastischen Konstruktivismus“ entwickelt,
der idiomatische Systeme jenseits digitaler Reduktionismen in einem homöonomen
Wirkungs- und Ereignisnetz situiert und fabriziert.
Seminar V: Fr + Sa, 14. + 15. Oktober
Christiane
Zintzen, Wien, A
Vom
Rahmen der Handlung. The frame of the game.
Dass ein Kunstwerk nur in einem definierten Rahmen als solches erkannt
und wahrgenommen wird, ist in der Bildenden Kunst längst akzeptiert:
Erst wenn der Kontext der Kunst benannt und bekannt ist, verwandelt
sich – wie bei Marcel Duchamp – das Urinoir in eine fountain.
Dass aber selbst in den scheinbar so klar definierten Zonen von Museum
bzw. Kunst im öffentlichen Raum das Werk nicht vor "Fehllektüren" gefeit
ist, erweisen die Anekdoten um die "Entsorgung" einer Beuys'schen
Fettecke durch eine Düsseldorfer Reinigungskraft, oder – wie
Anfang 2005
– die Beseitigung einer Skulptur des Künstlers Michael Beutler
durch die Stabstelle Sauberes Frankfurt.
Weit weniger spektakulär (da nicht vom Kunstmarkt materiell taxiert),
gestalten sich die Miss- oder Mistverständnisse in den performativen
Künsten. Ob im Theater, in der Tonhalle, oder dem je definierten
Aufführungsraum: Es bedarf der Kenntnis des intentionalen und
kontextuellen Rahmens, um das Idiom der aktuellen Darbietung werkangemessen
zu verstehen. Das Seminar soll – konkret anhand des Beispiels
von Peter Handkes Publikumsbeschimpfung – eine gemeinsame
Reflexion der Teilnehmer über die institutionellen, gesellschaftlichen
und symbolischen Handlungs-, Spiel- und Wahrnehmungsräume von
performativen Idiomen anleiten.
Seminar VI: Di -
Sa, 11. - 15. Oktober
André Vladimir
Heiz, Colombier, CH
Play it again,
Sam Idiomatik – Merkmale
der Wiedererkennbarkeit und Unverkennbarkeit.
Eine Verortung und Brückenschläge
zwischen Individualität und Muster,
zwischen Improvisation und Interpretation,
zwischen der Verfügbarkeit von Möglichkeiten und deren situativen
Anwendung,
zwischen Verführung und Notwendigkeit,
zwischen Rahmen und Bedingungen,
zwischen Kompetenzen und Performanzen,
zwischen Stil und Jargon, Originalität und Zitat,
zwischen Verbindlichkeit und Freiheit.
Modelle aus der Semiotik, erkenntnistheoretische Betrachtung zu Spiel
und System bilden den Grundton, auf dem Nuancen der Idiomatik zur Figur
werden.
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Seminar
VII: Mi - Fr, 12. - 14. Oktober
Dagmar
Hoffmann-Axthelm, Basel, CH
Wo die Sprache aufhört, fängt die
Musik an (E.T.A. Hoffmann). Annäherungsversuche
an die “Gefühlssprache“ Musik.
Thema des Seminars ist die Frage nach der emotionalen Wirkung von
Musik: Hörend, musizierend, komponierend erleben Menschen
im Hinblick auf gewisse Musikstücke überraschend ähnliche
Empfindungen, egal, ob zeitgleich oder in zeitlicher Distanz. Monteverdis “Lamento
d’Arianna“ rührte die Zeitgenossen vor 400 Jahren
zu Tränen, was uns auch heute noch nachvollziehbar ist. Ein
Walzer von Johann Strauss zuckte damals wie heute durch die Glieder
und Lili Marleen ist zeitloser Auslöser für Sehnsuchtsgefühle.
Aus meiner Erfahrung als Psychotherapeutin und Musikwissenschaftlerin
möchte ich für solche Übereinstimmungen Erklärungen
versuchen und die Teilnehmer dazu einladen, anhand unterschiedlicher
Musikbeispiele Gefühlsebenen (ernsthaft, heiter, düster,
komisch etc.) zu erfahren und auszuloten. Interessenten mögen
bitte auch eigene Musikbeispiele mitbringen.
Seminar VIII: Di
- Sa, 11. - 15. Oktober
Bernd Ternes, Berlin, D
Das wissende
Bewusstsein als Unbewußtes der Kommunikation.
Wissensmanagement, Systemtheorie und musikalische Improvisation als Gestalten
eines möglichen Registerwechsels von Struktur und Orientierung.
Die zunehmende Operationalisierung der Beschreibungen von Sachverhalten
der Innen- wie Außenwelt maßgeblich der Systemtheorie hat
zu einer Auflösung klarer Konturen zwischen Struktur und Ereignis
geführt. Temporale Systembildungsdimensionen werden mittlerweile
so beschrieben, dass Nichtidentitäten an Nichtidentitäten anschließen,
unter kurzzeitiger Inkaufnahme von Identitäten. Beeindruckend ist,
daß dieses Beschreibungsvokabular nun auch Anwendung findet in
wenngleich hochdynamischen, aber doch strukturschweren Organisationen
wie etwa Unternehmen, und dort speziell im Wissensmanagement. Die Auflösung
vormals hoch kognitiv und technisch verstandener Planungshandlungen löst
auch den Gegenbegriff, Improvisation, auf. Systemisches Wissensmanagement
fokussiert den positiven Umgang mit Nicht- und Unwissen, um in einer
Art organisationskommunikativen rite de passage Entscheidungen zu treffen.
Musikalisches Improvisieren fokussiert den negativen Umgang mit Wissen
(musikalisches Gedächtnis), um im Musizieren zu einem wissensbefreiten
Spiel zu kommen. – Im Seminar wird beiden Unwissensarten theoretisch
nachgespürt.
Seminar
IX: Di - Sa, 11. - 15. Oktober
Natascha
Adamowsky, Berlin, D
Qualitätssprünge
- Improvisation im Medium des Spiels.
Improvisation
ermöglicht das Formulieren neuer Qualität(en) jenseits
sprachlicher Festlegungen oder etablierter Handlungsoptionen. Das
Spiel ist insofern ein Wesensverwandter der Improvisation. Denn durch
die stete Dopplung von Sein/Nicht-Sein entzieht es sich sowohl den
Identitätszwängen der Sprache als auch dem Bereich zweckrationalen
Handelns. Die Dimensionen von Improvisation und Zufall, die im Spiel
aufscheinen, reichen in viele Bereiche, die bis heute definitorisch
nicht mit Improvisation assoziiert werden. Prozesse der Erkenntnis
sind konstitutiv auf Kategorien wie Zufall, Spiel, Performance und
Ereignis angewiesen. Neue Qualitäten des Erkennens und der Wahrnehmung
sind demnach nur möglich, wenn die Improvisation und das Ludische
den Raum des Möglichen vervielfältigen. Neben historischen
Beispielen und aktueller kulturwissenschaftlicher Forschung wird
eine Paradoxie jeder Auseinandersetzung mit Spiel im Zentrum des
Seminars stehen: Man muss (auch) spielen, um über Spiel sprechen
zu können.
Seminar X: Do - Sa,
13. - 15. Oktober
Ulas
Aktas, Berlin, D
Das Idiom und die fensterlose Monade – zu
Raumfiguren und Raumbeziehungen
Man sagt, Filme erschaffen Welten oder die Musik sei eine
eigene Welt. Die Erfahrung von nicht materiellen Räumen,
das heißt Räumen, die nur aus Bedeutungszusammenhängen
bestehen, also nicht in Meter und Zentimeter zu vermessen
sind, ist etwas allgemeines. Die Psyche ist hierfür
ein besonders komplexes Beispiel, sie bildet eine ganze Sphäre
vieler solcher Räume. Dies gilt aber auch für harte
gesellschaftliche Prozesse. Auch hier bilden sich Räume,
die ausschliesslich durch ihre Bedeutungszusammenhänge
definiert sind, sie sind mitunter hoch abstrakt, wie z.B.
die Börse. Räume bilden aber immer auch Ränder,
etwas Drittes, ohne das sie nicht denkbar wären. Dieses
Dritte ist Teil des Raums, d.h. es ist auch räumlich,
bildet vielleicht sogar selbst einen Raum, wenn auch nicht
in herkömmlicher Weise. Dieses Dritte unterliegt ganz
eigenen paradoxen Verläufen. Musikalische Improvisationsräume
setzen einen Kontrapunkt im Gefüge Wissen/Nicht-Wissen
und erzählen so ähnlich vom eingeschlossenen Ausgeschlossenen.
An Hand der Raumfigur der Monade wird versucht sich den paradoxen
Verläufen des eingeschlossenen Ausgeschlossenen,
den verfalteten Raumbeziehungen zu nähern.
Seminar XI:
Di + Mi, 11. + 12. Oktober
Hans
Ulrich Reck, Köln, D
Zwischen
Spiel und Dogma oder wie kann man die Frage verstehen und erörtern
"was ist ein künstlerisches
Experiment?"
Künste, ihre Theorien und Geschichten, kennen nicht beliebig viele,
aber doch etliche Beispiele einer kasuistischen (von Fall zu Fall zu
sichtenden) Exemplarik künstlerischer Experimente. Meistens handelt
es sich dabei allerdings nicht um etwas aktuell Beobachtbares, gar Voraussagbares,
sondern um eine historische Rekonstruktion von Problemsituationen, die
weniger auf einer internen Entscheidung, als vielmehr auf einer Verarbeitung
veränderter,
von aussen nahegelegter oder auferzwungener Rahmenbedingungen beruhen.
Wissenschaftstheoretische Analysen wie die Paradigmentheorie Thomas S.
Kuhns, die belegt, daß experimentierendes Handeln nicht auf striktem
Programm beruht, sind bisher nie auf eine aktuelle Kunsttheorie übertragen
worden. So ergibt sich unabweisbar, dass das beschworene “künstlerische
Experiment" immer dann evident erscheint, wenn es nicht genau analysiert
oder definiert wird. Bei zunehmender Definitionsschärfe löst
sich das Experimentieren in verwandte, aber qualitativ unterschiedene
Themen auf wie Inspiration, Intuition, Heuristik, Poetik, Indeterminertheit
etc.
auf und wird vage und unscharf.
Seminar XII:
Di - Do, 11. - 13. Oktober
Balz
Trümpy, Basel CH
In der Tiefe oder an der Oberfläche?
Auf welcher kompositorischen, geistigen und gefühlshaft-atmosphärischen
Ebene spielt das, was ein musikalisches Idiom ausmacht?
Dieser Frage wird mit Beispielen von Bach bis Cage nachgegangen. Der
Weg der Untersuchungen führt dabei von äusseren Erscheinungen
wie etwa der musikalischen „Figur“ über grammatikalisch-syntaktische,
formale und stilistische Aspekte, das Herausarbeiten von kompositorisch-geistigen
Grundhaltungen bis hin zur Hinterfragung des idiomatischen Kerns bei
Komponisten wie Schönberg und Cage, in deren Schaffen wichtige Phasen
durch innere „Kehrtwendungen“ gekennzeichnet sind.
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