SEMINARE

 

     


 

 


 

Seminar I: Di - Sa, 8. - 12. Oktober

Eckhart Altenmüller, Hannover, D
Das improvisierende und das reproduzierende Musikergehirn: Zur speziellen Hirnphysiologie erdachter, erlernter und automatisierter musikalischer Handlungen.
mprovisierendes und reproduzierendes Musizieren beruhen auf äusserst komplexen Leistungen des zentralen Nervensystems. Auditive Imagination, senso-motorische Umsetzung, emotionale Färbung, visuell-gestischer Ausdruck und die Verarbeitung des produzierten musikalischen Gedankens durch Gehör, Eigenwahrnehmung und Gesichtssinn beanspruchen nahezu alle Grosshirnregionen.
Musikalische Imagination beruht auf den gleichen neuronalen Netzwerken wie die aktuelle Ausführung, unabhängig davon, ob wir uns ein Stück im Kopf neu ausdenken oder eine erlernte Partitur in Erinnerung rufen. Die Ausführung von improvisierter und reproduzierter Musik unterscheidet sich hirnphysiologisch. Dies mag daran liegen, dass bei reproduzierter Musik spezifische Erwartungen erfüllt werden müssen. Im Seminar werden die hirnphysiologischen Grundlagen des Improvisierens, Komponierens und Reproduzierens im Lichte der aktuellen Ergebnisse der Neurowissenschaften diskutiert.

 

Seminar II: Di - Sa, 8. - 12. Oktober

Helmut Bieler-Wendt, Karlsruhe, D
Improvisation - die Kunst, mit Haltung das Handwerk hinter sich zu lassen.
Ausgehend von meinen Erfahrungen als Musiker und Lehrer werde ich im Seminar fünf wesentliche Aspekte der Kunst des Improvisierens beleuchten. Anhand ausgewählter Beispiele in Bild und Ton, ergänzt durch Berichte aus der musikalischen Praxis, möchte ich darüberhinaus mit den Teilnehmern des Seminars in lebendigem Austausch über die Zukunftspotentiale der Improvisation in einer sich wandelnden Gesellschaft diskutieren.
Für die fünf Tage sind folgende Themen vorgesehen:

  1. “So ihr nicht werdet wie die Kinder... ” Von der Bedeutung der Pädagogik für die Entwicklung der Kunst.
  2. “pars pro toto ” - Die Improvisation in der Gruppe."
  3. “Solipse ” - Der Improvisator auf sich selbst gestellt, - ratlos?
  4. “Immer ins Ungebundene... ” - Improvisation im öffentlichen Raum.
  5. “Utopia ” - Von einer möglichen Welt zwischen den Künsten.


Seminar III: Di - Do, 8. - 10. Oktober

George Lewis, San Diego, USA
In diesem Seminar wird versucht, die vielfältigen Beziehungen von Kultur,Stil und Klang(-sprache) in improvisierter Musik innerhalb eines globalisierten Umfeldes aufzuzeigen. Eine ausgewählte Bibliographie wird während dem Seminar vorgestellt.
George Lewis sieht Musik als Teil eines umfassenden Dialogs, der Paradigmen wie Technologie, Rasse, Geschlecht reflektiert. Die grosse Frage nach der Repräsentationsfunktion von Musik läuft immer im Hinterkopf mit.
("Wir befinden uns in einer postkolonialen Ära. Was hat Musik dazu zu sagen?")


Seminar IV: Fr + Sa, 11. + 12. Oktober

Steff Rohrbach, Basel, CH
Trotzt die improvisierte Musik dem Zeitgeist?
Frei improvisierte Musik in Zeiten des Kulturmanagements: unberechenbare und nicht leicht zu konsumierende Kunst ohne Massenpublikum und grosse Lobby, uninteressant für Sponsoren, von den Medien stiefmütterlich behandelt, keinen modischen Trends folgend und nicht zu vermarkten. Die öffentliche Hand unterstützt die Szene mehr schlecht als recht, und die Kriterien, nach welchen das spärliche Geld vergeben wird, sind kaum transparent. Musikerinnen und Musiker, Konzertveranstalter und Plattenverlage überleben vorwiegend durch Idealismus. Was lässt sie unbeirrbar an ihrer Musik und ihrem Engagement festhalten? Und weshalb findet diese Kunst allen Widerständen zum Trotz immer wieder ein Publikum?


Seminar V: Di - Sa, 8. - 12. Oktober

Sebastian Klotz, Berlin, D
“Improvisation” als Effekt musikalischer Aufschreibesysteme.
Im Zuge der im Spätbarock erfolgten Umgestaltung der ars combinatoria von einer jesuitischen Wissenspraxis zu einem Mittel für die Erzeugung von Mannigfaltigkeit kamen musikalische Würfelspiele und Modulationslehren in Mode, derer sich Musikliebhaber im Sinne einer Kreativität aus zweiter Hand bedienen konnten. Zugleich wurden Instrumente wie das clavecin oculaire projektiert, die zu unvorhersehbaren akustisch-visuellen Effekten führten. Erst diese neuen Aufschreibesysteme ermöglichen die Verlagerung des Unvorhersehbaren vom Kopf und der Hand des Spielers in das Medium selbst. Einerseits fussen sie nicht auf genuin unvorbereitetem Handeln, sondern auf Logistik; andererseits simulieren sie eine Spontanität, die eng mit der Berechenbarkeit des Zufalls, einem der Konstitutiva der Improvisation, verbunden ist.
Durch die Berücksichtigung der Zufallsdimension, des Automatischen und der Notationstechniken tritt eine Gruppe von Projekten hervor, die sich gleichsam auf der Rückseite echter Improvisation ansiedeln. Das Seminar erläutert deren Aufbau, Funktionsweise und ihre Ausstrahlung auf die Versuche des 18. Jahrhunderts, Phantasie und Kreativität prinzipiell zu objektivieren und didaktisch aufzubereiten.


Seminar VI: Di - Sa, 8. - 12. Oktober

Fred van der Kooij, Zürich, CH
Wann immer das Flusspferd ein Tänzchen wagt. Ueber das Improvisieren beim Film.
Die gigantischen Kosten, die die Herstellung eines Kinofilms mit sich bringt, lassen einen Freiraum für Improvisation mehr als unwahrscheinlich erscheinen. Dennoch haben RegisseurInnen immer wieder und nicht nur in Produktionen mit einem kleinen Budget auf dem Set das Abenteuer gesucht, sind vom vereinbarten Drehplan abgewichen oder gar gänzlich ohne Drehbuch angetreten. Manchmal zwang sie dabei die Not, wenn etwa das Wetter oder andere Kalamitäten sie dazu nötigte und so arbeiten sie halt auch mal “ohne Netz”. Aber einige Tollkühne fuchste es grundsätzlich, das sündhaft teure Filmspielzeug unter Missachtung der Sicherheitsgurten in Bewegung zu setzen. Von ihnen und was sie dabei so anrichten, soll im Seminar die Rede sein.

 

 

 

Seminar VII: Di + Mi, 8. + 9. Oktober

Luc Ciompi, Lausanne, CH
“Grundthesen der Affektlogik” und “Allgemeine und spezielle Implikationen”.
In zwei weiterführenden Seminaren werden die im Vortrag “Intuition, Improvisation und Emotion” erwähnten Grundthesen der Affektlogik genauer erläutert und diskutiert. Dass ein gefühlsfreies Denken gar nicht möglich ist, hat vielfältige Implikationen für unser gesamtes Welt- und Menschenverständnis. Entsprechend den Interessen der Teilnehmer sollen komplexitätsreduzierende Wirkungen von Emotionen in allem Denken (inkl. Wissenschaft, Mathematik, Philosophie) und aller Kommunikation, vom Alltagsgespräch über Verkauf, Reklame, Wirtschaft und Politik bis zur Pädagogik und Psychotherapie zur Sprache kommen. Auch deren Rolle in Improvisation und Intuition kann weiter diskutiert werden.


Seminar VIII: Do - Sa, 10. - 12. Oktober

Ilma Rakusa, Zürich, CH
Dichtung zwischen Zufall und Kalkül.

Lyrik sei die Kunst des Unvorhersehbaren, meinte der russische Nobelpreisträger Joseph Brodsky. Das gilt auch oder insbesondere dann, wenn sie sich formale Regeln/Zwänge auferlegt. Der Reiz, der sich aus dem Zusammenspiel von Vorgabe, Improvisation und Zufall ergibt, soll anhand von Kettengedichten, Anagrammen und Akronymen untersucht werden. Zum Schluss folgt ein poetisches Teamwork.


Seminar IX: Di - Sa, 8. - 12. OktoberErnst Lichtenhahn, Basel, CH
Musizieren in schriftlosen Kulturen - “Komposition” und “Improvisation” aus musikethnologischer Sicht.Aus der Lektüre von Texten (die im voraus bezogen werden können*) sowie ausgehend von Klangbeispielen sollen Einsichten in folgende Fragen gewonnen werden: 1. Inwiefern sind die Vorstellungen, die wir mit “Komposition ” und “Improvisation ” verbinden, von Traditionen und Konventionen der Schriftkultur geprägt? 2. Wie weit müssen und können wir uns von diesen Vorstellungen lösen, um “Komposition ” (als Vorlage, die reproduziert wird) und “Improvisation ” (als freie Gestaltung aus dem Augenblick heraus) als (Gegen-)Begriffe für das Verständnis des Musizierens in schriftlosen Kulturen tauglich zu machen? 3. Wie hilfreich ist es, davon auszugehen, dass “Komposition ” und “Improvisation ” eher verschiedene Blickrichtungen auf einen und denselben musikalischen Sachverhalt signalisieren als grundsätzlich zu unterscheidende Musizierhaltungen?
*eliaro@bluewin.ch


Seminar X: Di - Sa, 8. - 12. Oktober

Thomas Meyer, Mettmenstetten, CH
Eine Zeit zu komponieren - eine Zeit zu improvisieren.
Wann wurde wo warum improvisiert? Welche Bedürfnisse führen dazu, welche gesellschaftlichen Kontexte verhindern es? Wieviel Raum wurde dem freien Spiel zugestanden? Welche Tendenzen und Krisen machten das Improvisieren schwierig, ja “unmöglich”, welche forderten es wieder aufs Neue heraus? Wieviel Zeitgeist steckt dahinter, wieviel Eigenständigkeit der Musik und der Musiker? Und was heisst das für die Rolle des Interpreten? Das Verhältnis zwischen Improvisation und Komposition ist zu komplex, als dass es sich nach einem Schema erklären liesse. Das Seminar versucht anhand von Beispielen aus verschiedenen Jahrhunderten und Ländern diese Grauzone zu erkunden.


Seminar XI: Di - Do, 8. - 10. Oktober

Bert Noglik, Leipzig, D
Chancen und Limits von Improvisation im gesellschaftlichen Kontext.

Fragen nach der Spezifik und Bedeutung von musikalischer Improvisation verknüpfen sich mit Fragen nach deren Relevanz im sozialen Beziehungsgefüge. Wo und in welchen Zusammenhängen darf heute in den technologisch hochentwickelten Gesellschaften musikalisch improvisiert werden? Wer hat Interesse daran, improvisierte Musik zuzulassen, zu fördern oder in ihrer Entfaltung zu beeinträchtigen? Welche Wertvorstellungen verknüpfen sich mit musikalischer Improvisation? Welches Selbstverständnis, welche Strategien und Vermittlungskanäle haben die Improvisatoren/Improvisatorinnen entwickelt? Welche kulturellen Spielräume können sinnvoll genutzt werden, um Improvisation in das Spektrum musikalischer Angebote und Aktivitäten einzubringen?


Seminar XII: Fr + Sa, 11. + 12. Oktober

Hans Ulrich Reck, Köln, D
Spiel und Phantasie: Konzepte aus der bildenden Kunst und der Philosophie.

Die Geschichte der Einbildungskräfte hat im 18. Jahrhundert einen drastischen Einschnitt erfahren. Parallel und subtextuell zur Orientierung des neuen ästhetischen Diskurses auf das beispielhaft Schöne einer innerhalb der Schematismen der Verstandesvermögen geordneten Kunst artikulieren sich Gegenkräfte, die auf eine Deregulierung der Normen, eine Verschiebung der Phantasie setzen. Mit dem Surrealismus wird das folgenreich formuliert für eine künstlerische Praktik und ein insgesamt gewandeltes kulturelles Empfinden, die wesentlich auf das Rezeptionsvermögen und eine wachsende Bedeutung der Betrachtung setzen. Klassische Spieltheorien (Wittgenstein, Bateson, Watzlawick, Caillois) eröffnen und erfordern diverse Kontexte, die für solche Perspektiven und Erwartungspotentiale von Bedeutung sind. Diskutiert werden sollen auf diesem Hintergrund auch unterschiedliche Erwartungen an das Verhältnis der Künste und Medien im Zeitalter der digitalen Technologien.