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Notation
und nichtschrifliche Überlieferungssysteme von Musik.
Für die Zwecke unseres Seminars wählen wir als Ausgangspunkt
Zeugnisse zur Musik der drei Schriftreligionen – Judentum, Christentum
und Islam – zu mittelalterlicher Zeit. Damit erhalten wir erste Ansätze
für die Frage nach "mündlicher", also nichtschriftlicher
Überlieferung und "schriftlicher" Tradition – eine Frage,
die sich natürlich nicht auf das Mittelalter beschränkt Doch
eignen sich Materialien aus dieser Periode für unser Seminar besonders
gut; denn Christen im sogenannten "lateinischen Mittelalter" entwickeln
in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts Notenschrift (Neumen und
Buchstabennotation) sowie eine Musiklehre, die Notation benötigt.
Juden wie Muslimin besitzen zu dieser Zeit bereits eine Musiklehre, deren
Niveau weit über der des lateinischen Mittelalters liegt; doch
sind weder Juden noch Muslimin daran interessiert, Notation zur Überlieferung
ihrer Corpora von Melodien zu entwickeln, obgleich sie die christlichen
Usanzen kennen. Daraus ergeben sich mehrere recht allgemeine Fragen:
warum schreibt man Musik auf? Wie transportiert oder tradiert man Musik
ohne Notation? Warum schreibt man über Musik? Was genau wird geschrieben,
wenn man Musik aufschreibt?
Seminar II:
Di - Sa, 5. - 9. Oktober
Christian
Kaden, Berlin, D
Zum historischen
Wandel von Musikkonzepten. Was hat Musik mit Klang zu tun?!
Die provozierende Frage von Charles Ives "What does music have to do with
sound?!" kann für den anrührend sein, dem Musik noch nicht
erstarrt ist: zur Selbstverständlichkeit. Zwar weiss europäisch-neuzeitliche
Kultur sich einig, dass Musikalisches zentriert sei auf die Organisation von
Schall. Noch dem Mittelalter jedoch war neben der hörbaren eine sichtbare
musica vertraut, auch eine, die sich ertasten, erspüren liess im Wortsinne.
Vollends überwältigend präsentiert sich die Vielfarbigkeit
der Konzeptionen in antiken und aussereuropäischen Überlieferungen.
Hier erscheint Musik gerade nicht als abgegrenzt-spezialistische Tätigkeit.
sondern als eine, die Erfahrungen ent-grenzt, aufs Weltganze geht, hin zum
Kosmischen. Solche Fülle des musikalisch Denkmöglichen ist heute
erst wieder zu erschliessen. Und es ist wahrnehmbar zu machen, dass sich mit
ihr keine bloss spekulative Begrifflichkeit verbindet. sondern Lebenswirklichkeit
– und Wirklichkeit des Erlebens.
Seminar III: Di - Sa,
5. - 9. Oktober
Fred
van der Kooij, Zürich,
CH
Wo
unter den Bildern sind die Klänge daheim? Filmische Struktur und
musikalisches Denken.
Die Tonspuren der Filme
Jean-Luc Godards sind von Anfang an von einer höchst ingeniösen
Beschaffenheit. Die rigorose Gleichstellung von Musik und Geräusch,
die den Direktton der Filme nicht anders behandelt als die nachträglich
angelegten Kompositionen, und die mit den Dialogen oft ebenso frei verfährt
wie mit einem Instrumentalklang, macht aus einem Godard-Film, zunächst
im rein akustischen Sinne, ein dichtes polyphones Gewebe. Da es in diesen
Filmen nicht nur Beziehungen zwischen den Klangereignissen gibt. sondern
– nicht minder intensiv – auch zwischen diesen und dem Geschehen auf
der Leinwand, entsteht eine audiovisuelle Mehrstimmigkeit. Gerade an
den jüngeren Filmen Godards
kann dies exemplarisch gezeigt werden.
Seminar
IV: Di - Sa, 5. - 9. Oktober
Kurt
Dreyer, Luzern,
CH
Choreographie und musikalisches Denken.
Nachdenken über Vernetzung von Bewegung
und Musik in szenischen Aktionen Wie eigenständig ist die "visuelle" Musik
des Tanzes? Wie beeinflusst ein Raum, ein Bühnenbild die szenische Klanglichkeit?
Wie wirken Farben, Kostüme, Objekte? Kann Bühnenlicht musizieren?
Was bewirkt Musik in einern szenischen Geschehen? Welche Musik für welches
Stück? In welchem Verhältnis stehen choreographische und musikalische
Gestalt? Wie wirken Musik und Bewegung ineinander? Was für Inhalte werden
transportiert? Mit welchen Mitteln? Wann wirkt eine Bewegungssprache genuin?
Was soll der Tanz? Was kann der Tanz?
Seminar V: Di - Sa,
5. - 9. Oktober
Rudolf Frisius, Karlsruhe,
D
Die verschiedenen
Arten musikalischen Denkens und ihr Verhältnis zur Improvisation.
MUSIK ALS HISTORISCHER PROZESS • Von der Live-Klangkunst zur
Tonkunst und zur technisch (re-)produzierbaren Klangkunst • Emanzipation
der Dissonanz - Emanzipation des Geräusches • Determination und
Unbestimmtheit • Musikgeschichte und allgemeine Geschichte: Autonome
Musik – Musik als Zeitdokument
MUSIK ALS SPIEGEL DER HÖRWELT • Sprache, Geräusch und Musik als
Dimensionen der Hörwelt • Klangwelten – Klangereignisse • Aufarbeitung,
Umgestaltung und Neuschöpfung von Hörereignissen
MUSIKALISCHES MATERIAL – MUSIKALISCHE KOMMUNIKATIONSPROZESSE • Klangeigenschaften
und ihre Strukturierung • Klangtypen • Konsequenz und Interaktion
MUSIK ALS GESTALTETE ZEIT • Zustand – Veränderung • Geschnittene
Zeit – Fliessende Zeit • Kontrastierungen (vertikal, horizontal)
– Abwandlungen, Ableitungen – Formprozesse
HÖRERFAHRUNG – GESAMTERFAHRUNG Musikimmanentes und musikübergreifendes
Denken • Live-Ereignisse – technisch produzierte Ereignisse:
Wandlungen der Multimedialität • Hörbare und sichtbare Vorgänge:
Parallelisierungen – polyphone Emanzipationen • Klang
– Raum – Zeit
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Das Vordenken
von Musik – und das klingende Ergebnis.
In welchem Verhältnis stehen Planung und Ausführung im
kompositorischen Prozess? Welche Auswirkungen hat das deklarierte oder verschwiegene
Vordenken auf die Musik und unser Hören? Wie befriedigend ist es, wenn
ein Konzept "aufgeht"? Wo kommt es zu Widersprüchen? Das Seminar
versucht, in den Bereich dieser Fragen, Programme und Kunstmythen einzudringen.
Seminar VII: Di, 5.
Oktober
Wolfgang
Heiniger / Thomas Kessler, Basel,
CH
Sampling, oder "Nach"denken über Musik.
Mit der Sampling Technologie
eröffnet sich der Musik der Zugriff auf die Archive der Musikgeschichte
und der akustischen Umgebungsrealität. Die unbeschränkte Verfügbarkeit
eines enzyklopädischen musikalischen Universums, die Komponisten, Musikern
und Rezipienten damit in die Hände gegeben wird, verändert unsere
Beziehung zur Musik, indem sie unser Denken über Musik in ein Nachdenken
verwandelt.
Man muss die Frage stellen. in welchem Masse reflexive Strategien im Gegensatz
zu synthetischen Strategien Musik praeformieren, wie apparative SetUps sich auf ästhetische
Qualitäten auswirken und wie unsere Begrifflichkeit und Reflexionsfähigkeit
im Hinblick auf Musik durch das Sampling verändert wurden und noch werden.
Seminar VIII: Di - Sa,
5. - 9. Oktober
Zsuzsanna
Gahse, Müllheim, CH
Nichts ist wie:
(Literatur und musikalisches Denken).
Natürlich gibt
es eine Fülle von Möglichkeiten. die Sprache
zur Musik zu erheben – durch Vertonungen, durch Anhebung, Überhöhung
oder Verzerrungen der Aussprache zum Beispiel. Aber die Sprache kann ihre
eigene Musikalität, ihre von vornherein gegebene Verwandtschaft zur
Musik auch selbständig zeigen. Die Mitlaute und Selbstlaute und ihre
unterschiedlichen möglichen Reihungen haben an sich schon musikalische
Werte. Diese Wertigkeiten hervorzuheben ist das Ziel des Seminars (im Titel
geht es um ein Spiel mit dem Vokal i) Am Ende des Seminars soll in Zusammenarbeit
ein kleines Wortkonzert entstehen.
Seminar
IX: Di - Do, 5. - 7. Oktober
Klaus
Scherrer, Genf, CH
Emotion und musikalisches Denken.
Musik als nonverbales Übermittlungssystem.
In diesem Seminar wird
der Frage nachgegangen, inwieweit die psychobiologischen Grundlagen des
Emotionsausdrucks Einfluss auf das musikalische Denken nehmen. Beginnend
mit der auf Helmholtz basierenden Überlegung, dass sowohl Sprache als auch
Musik sich aus der Ausdifferenzierung der vorsprachlichen Affektlaute entwickelt
haben könnten,
wird versucht, einige Grundprinzipien des musikalischen Denkens herauszuarbeiten
und in Beziehung zum stimmlichen Emotionsausdruck zu setzen. Es soll in
Interaktion mit den Teilnehmern untersucht werden, inwieweit sich solche
Ausdrucksprinzipien bei der Komposition musikalischer Werke aber auch in
interpretatorischen und improvisatorischen Praktiken aufweisen lassen.
Seminar X: Fr + Sa,
8. + 9. Oktober
Maria
L. Schulten, Münster, D
Verbalisierung in der Musikvermittlung.
Zum Problem von Denken und Sprechen über Musik in Musiklernprozessen.
“Klasse, super!" oder "ätzend" oder "Das
hört
sich an wie im Krimi!"; Diese Ausserungen stammen von Schülern
und Lehrern aus dem Musikunterricht und berühren ein zentrales Problem
des Lernens. Das Behalten von Musik sowie die Kommunikation über Musik
ist gebunden an sprachliche Fertigkeiten und damit an den Erwerb eines entsprechenden
Vokabulars. In den Seminarstunden werden einige Alltagsszenen dargestellt,
mit Hilfe verschiedener wissenschaftlicher Ansätze aus Pädagogik,
Psychologie und Philosophie betrachtet und im Hinblick auf die Praxis ausgewertet.
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