SEMINARE

 
 

Seminar I: Di + Mi, 1. + 2. Oktober

Virginia Volterra, Rom, I / Penny Boyes Bräm. Basel, CH

 

Seminar VII: Di, 1. Oktober

Hansjörg Pauli, Orselina, CH

 
 

Die Gebärden von (hörenden und gehörlosen) Menschen verschiedener Kulturen: kulturell-determinierte oder freie Gesten?
Wo stehen die Gesten in der Entwicklung des Spracherwerbs bei Hörenden, und wo ist der Ubergang zur Gebärdensprache der Gehörlosen?
Gesten als universale Klischees (Bildschemata, Metaphern), als Ausdruck einer Kultur (hier: Italienische Gesten) und als linguistischer Kode (Gebärdensprache) werden miteinander verglichen. Gibt es improvisatorische Elemente beim Gebrauch von Gesten, und wie weit ist diese Improvisation frei, resp. limitiert oder vorprogrammiert? Gibt es eine spezifisch "kulturelle Improvisation" (zB. Italienisch gegenüber anderen Kulturen)? Gibt es in einem kodierten Gebärdensprachsystem Platz für Improvisation (zB. Gebärdensprachpoesie)? Wo spielt Pantomime mit und wo sind deren Grenzen?


Seminar II: Do - Sa, 3. - 5. Oktober

Penny Boyes Bräm / Thüring Bräm, Basel, CH
Konventionelle und improvisierte Muster in Gebärdensystemen (Dirigieren, Gebärdensprache u.a.)
Aufbauend auf dem Seminar von Volterra/Boyes werden hier die Gesten spezifisch auf das Dirigieren hin untersucht. Wie sieht das Repertoire der Dirigiergesten aus, worin unterscheidet es sich und worin überschneidet es sich mit den Gesten der Gebärdensprache? Wie weit basieren die Dirigiergesten auf visuellen Schemata /Metaphern, wie weit sind sie einzigartig in Bezug auf die Orchestersituation, inwieweit handelt es sich um Improvisation? Wie weit hängt die Mimik mit den Handgesten zusammen (vorprogrammiert oder improvisiert?)? Welche Beziehung besteht zwischen der Raumorganisation und der Zeit (Geschwindigkeit der Gesten), und wie wird der “Ausdruck" mitgeteilt?


Seminar III: Di - Sa, 1. - 5. Oktober

Hans-Christian Schmid, Osnabrück, D
Eher Holzschnitt als Filigran. Oder warum gute Filmmusik auf schlechte Klischees abonniert ist.
Anhand ausgewählter Filmbeispiele / Videos soll untersucht werden, warum gute, d.h. wirkungsvolle und deutlich erkennbare Filmmusik stets auf Klischees zurückgreift, warum mit anderen Worten ein kompositorischer Fortschritt in der Filmmusik nicht stattfindet, nicht stattfinden darf (wenn man einmal vom sog. "Sound Design" absieht). Radikal formuliert: man kann die Geschichte der Filmmusik beschreiben als einen Prozess einer allmählichen De-Komposition, einer voranschreitenden Ent-Kunstung.


Seminar IV: Di - Sa, 1. - 5. Oktober

Michel Chion, Paris, F
Der Mythos der "natürlichen" Musik in der elektroakustischen Musik.
Elektroakustische Werke von Komponisten wie jene von Henry, Stockhausen, Bayle, Berio, Xenakis, Zanési, bedienen sich Klischees einer sog. "naturalistischen" Musik: die Idee einer Musik ohne Schnitte und Brüche, bei der der Klang wie ein natürliches, in sich selbst ruhendes Phänomen präsentiert wird. In diesen Werken indessen, wie auch in den meinigen, die im Laufe des Seminars vorgeführt und analysiert werden, wird dieses "naturalistische" Modell dialektisch behandelt; es wird gleichzeitig benützt und kritisiert, es wird ihm zugestimmt und gleichzeitig widersprochen. Das erlaubt, über die Idee nachzudenken, dass vielleicht keine Kunst das Klischee so nötig hat, wie die neue Kunst.


Seminar V: Di - Sa, 1. - 5. Oktober

Klaus-Ernst Behne, Hannover, D
Zur Psychologie des musikalischen Ausdrucks.
Es wird zunächst eine Einführung in die Emotionspsychologie geben, sowie speziell Informationen zur Entwicklung des Ausdrucksverstehens. Im folgenden werden dann u.a. der Zusammenhang zwischen musikalischer Struktur und Ausdrucksdeutung sowie musikalische Klischees behandelt. Zum Abschluss des Seminars soll Ambivalenz des Ausdrucks als ästhetisierende Komponente des Musikerlebens im Rahmen einer Theorie des musikalischen Ausdrucks zur Diskussion gestellt werden.


Seminar VI: Di - Sa, 1. - 5. Oktober

Beat Wyss, Bochum, D
Unscharfe Gedanken.
Zum redundanten Inhalt der Klassischen Moderne.
Topoi sind unscharfe Denkfiguren – mit Leonardo gesprochen: Flecken an der Mauer einer Epoche, deren Unbestimmtheit die Künstler zu Kompositionen und Erzählungen inspiriert. Auf der wolkig rauschenden Redundanz einer mentalen Verfasstheit entstehen die Lichter, Akzente und artikulierten Rhythmen einer künstlerischen Information. Es ist eben nicht so, dass Künstler vor einer weissen Leinwand stehen, Schriftsteller und Komponisten auf ein leeres Blatt starren. Der Malgrund ist immer schon behandelt, die Stichworte stehen, die Tonart ist gestimmt. Hat der Künstler einen Schreibstau, kommt dies nicht aus dem horror vacui des unbeschriebenen Blattes, sondern weil darauf schon zu viel steht, was auf den Autor eindrängt, ohne dass er dieses wolkige Rohmaterial in eine manifeste Ordnung überführen könnte. Das unbewusste Verfahren der Kunst besteht darin, redundantes, mentales Vorwissen in manifeste, informative Neuigkeiten zu übertragen.
Unscharfe Gedanken sind der blinde Fleck der Inspiration. Den Zeitgenossen selbst bleibt sie unbewusst. Erst in der historischen Distanz werden die Topoi erkennbar als Formen der ästhetischen Mentalität einer Epoche. Als Beispiel untersuchen wir die Klassische Moderne: An Kandinsky, Mondrian, Schönberg, Heidegger, Malewitsch und Le Corbusier ist zu erkennen, dass sie einer Zeit Gestalt gaben, die sich von uns so weit entfernt hat, dass deren unscharfe Gedanken im Umriss erkennbar werden.

 

 

Selbst ein Klischee?: Die alte Klage über die Klischiertheit von Filmmusik;
– die als grosszügig Verallgemeinernde so wenig hergibt wie sonst ein Pauschalurteil und meist auch noch offen lässt, was sie denn konkret meint, ob die Beschaffenheit der Musik, oder nicht vielmehr deren Einsatz und Anwendung. Für beide Bereiche, den idiomatischen wie den dramaturgischen, haben sich im Lauf der Jahrzehnte Normen herausgebildet, die den jeweils herrschenden Produktionsverhältnissen zu genau entsprachen, als dass ästhetisch fundierte Kritik sie ausser Kraft zu setzen vermocht hätte.


Seminar VIII: Di - Sa, 1. - 5. Oktober

Rudolf Frisius, Karlsruhe, D
Bekanntes und Unbekanntes. Probleme der Formanalyse in improvisierter Musik.

5 Seminare präsentieren Formanalyse(n) zuvor im Konzert gemeinsam gehörter (improvisierter) Musik: Analyse als Protokollierung im Verlauf des Hörens – als Resultat der Überprüfung und Modifikation der Höranalyse des Live-Spiels sowie des Live-Hörens auf der Basis des Hörens und Analysierens von Aufnahmen des zuvor Gespielten und Gehörten.
Bekanntes und Unbekanntes, Voraussehbares und nicht Voraussehbares durchdringen sich im Prozess nicht nur der Improvisation, sondern auch des Hörens komponierter und improvisierter Musik. Formanalyse improvisierter Musik (die, anders als die Strukturanalyse, nicht nach dem Entstehungsprozess, sondern nach dem gehörten Klangerlebnis fragt, und für die Unterschiede zwischen komponierter und improvisierter Musik insofern nur von sekundärer Bedeutung sind) kann sich konzentrieren auf die Beschreibung von unmittelbar hörbaren Eigenschaften und Klangobjekten sowie auf ihre Veränderung im Kontext charakteristischer Klangverläufe. Sie beschreibt Musik als klingende Zeit – sei es als Zustand (in einer spezifischen Konstellation von Eigenschaften und/oder Klangobjekten), sei es als allmähliche oder plötzliche Veränderung (fliessende oder geschnittene Zeit).


Seminar IX: Di - Sa, 1. - 5. Oktober

Hans Harder, Zürich, CH
Die vielen Facetten der Gebrauchsmusik in der aktuellen Medienwelt.
Eine immer rascher sich wandelnde Gesellschaft nutzt grosse Mengen von Musik aller Art. Zunehmende Segmentierung des Publikums, Digitalisierung, digitale Kompression, interaktive Medien, Verschmelzen aller Sparten der Telekommunikation, weitere Computerisierung neuer Angebote via Satelliten und Kabel, Multimedia, usw. stellen Programmschaffende wie Medienkonzerne vor gewaltige Probleme. Für grosse Minderheiten unserer Gesellschaft wird sich das Verhältnis zu den angestammten Medien verändern.
Jeder Rundfunkveranstalter ist gezwungen, die unterschiedlichsten Erwartungen der verschiedensten Publikumsgruppen sehr genau kennen zu lernen. Rezipientengruppen lassen sich mit Hilfe von soziologischen Rastern typisieren. Reaktionen auf musikalische Muster sind unverkennbar. Das wertungsfreie Ergründen dieser Phänomene bringt neben dem praktischen Nutzen für die Beteiligten auch interessante Erkenntnisse über die Wirkung von Musik im weitesten Sinn. Gleichzeitig gilt es, für die Musikprogrammierung neue effiziente Methoden für deren Umsetzung zu erfinden.

Seminar X: Di + Mi, 1. + 2. Oktober

Heiner Goebbels, Frankfurt am Main, D
Das Sampie als Zeichen.
Untersuchung der Sprach- und Bildfähigkeit akustischer Signale, Texte, Geräusche, Musik; die Bedeutung der Trivialität für den (optischen) Raum in Hörstücken. Präzisiert das Sampie das improvisierte Material?

Seminar XI: Do + Fr, 3. + 4. Oktober

Maria Luise Schulten, Münster, D
Glanz und Elend des guten Geschmacks.

1. Sitzung: Durch Historie und Begriffswirrwarr zu klaren Daten: Nutzen und Nachteile von Klischees, Vorurteilen und Stereotypen.
2. Sitzung: Sozialpsychologie des schlechten Geschmacks?